1000 Gründe zu gehen. Und wiederzukommen.

- Bild: photocase.com © Anna-Lena Thamm
Warum wir so gerne woanders sind – und Deutsche bloß nicht versuchen sollen, etwas zu sein, was sie nicht sind.
“London! Wie geil ist das denn!” Ich kam nicht umhin das Gespräch dieser zwei nur äußerlich attraktiven jungen Frauen anzuhören, bei der die eine der anderen just eröffnet hatte, wohin sie ihr Praktikum im Sommer führen würde. Wie geil wär das denn, wenn alle, die diese Phrase benutzen, des Landes verwiesen würden. Aber immerhin bei einer klappt das bald. London, das Epizentrum der Toleranz, wie Freund Ronald einmal bemerkte, würde diese Toleranz nun bald bitter brauchen.
Zu zweit in einem Zimmer: Das ist Ferienlager. Oder London?
Lustigerweise habe ich selbst ein Trimester in London verbracht und mit zwei Australiern und einer Neuseeländerin in einer Dreizimmerwohnung gewohnt. Wer rechnen kann, der kommt jetzt auf einen Personenwert “größer als Eins” pro Zimmer. Richtig. In jedem Zimmer lebten sogar zwei Menschen, da man schließlich noch eine “Lounge”, ein Wohnzimmer, haben musste. Die Wohnung kostete 800 Pfund. In der Woche. Das Geheimnis dieser Wuchermieten waren die Wucherlöhne, die teilweise in London gezahlt werden für Menschen, die irgendwo ein “financial” oder “account” in ihrer Jobbezeichnung haben. Letzthin hält man so den Pöbel aus der Stadt fern, der sich die Mieten einfach nicht leisten kann. Was eigentlich ganz gut geklappt hat, wenn man mich außer acht lässt. Der Preis hieß jedoch nächtliches Roomsharing. Und dies in Anwesenheit eines unbeschlafenen dritten Zimmers. Das war so eine Geschichte, die mich grübeln ließ, besonders wenn ich im Bett lag und mein australischer “Roommate” Besuch von seiner Freundin hatte. Und manchmal war es einfach zu kalt oder zu spät, dann noch eine Runde um den Block zu machen und zu warten, bis es vorbei war. Nach ausreichendem Grübeln formulierte ich schließlich die kleine vorsichtige Frage, ob man noch nie daran gedacht hätte, auf die “Lounge” zu verzichten und so vielleicht ein, eigentlich sogar zwei Privatzimmer zu gewinnen. Absolute tonnenschwere Verständnislosigkeit. Man sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, Kameldung zu sammeln, um Heizkosten zu sparen. Oder Eichhörnchen zu jagen, weil ich mal wieder Lust auf diesen nussigen Geschmack hätte. Dieser Deutsche muss komplett den Verstand verloren haben. Augen blickten mich an, in denen ich sogar ein Spur Traurigkeit zu erkennen glaubte, weil dieser Deutsche so gar nichts versteht. Ich unterließ in der Folge weitere Vorschläge und trank viel Alkohol, um das Vertrauen meiner australischen Mitbewohner zurückzugewinnen.
Auch nach Jahren finde ich meinen Einwurf nicht verkehrt, allerdings auch ein bisschen deutsch. Es ist ein Phänomen zu beobachten, wie Deutsche im Ausland ungefragt Ansichten und Wertvorstellungen immer wieder auf den Tisch bringen. Und ab und zu muss man ansehen, wie Amerikaner von irgendwelchen politisch aufgeklärten Jugendlichen gedrängt werden, zuzugeben, dass ihr Gesundheitssystem marode ist, die Umweltpolitik ein Desaster und das metrische System natürlich viel besser. Und dass ihr Land jahrelang von einer Art Superschimpansen regiert wurde. Das Michael-Moore-Syndrom. Damit macht man sich keine Freunde.
Dabei liebt der Deutsche eigentlich das Fremde, das Andere. Er läuft durch Asiashops, um den Geschmack wiederzufinden, der ihn im Kambotschaurlaub so fasziniert hat, er bestellt Wein und Öl von einem andalusischen Landgut und kommt sich fad vor, wenn er nicht mindestens einmal im Jahr irgendwohin fliegt. Die Deutschen sind Reiseweltmeister und machen im Ausland oft gar keine schlechte Figur, weil sie eigentlich gar nicht wollen, dass alles so wie zu Hause ist. Vielleicht, weil Deutschland Förderalismus und Pluralismus mit der Muttermilch aufgesogen hat. Es war zersplittert, zerstückelt und aufgeteilt wie keine andere „Nation“, ein Flickenteppich der Bistümer, Grafschaften, Herzogtümer und Fürstentümer, die großteils mit eigenem Münzrecht ausgestattet waren, mit eigenen Dialekten und Sitten sowieso. Ein Europa im kleinen. Sogar jetzt noch müssen einem Deutschlandreisenden die Unterschiede zwischen Süd und Nord, West und Ost riesig vorkommen. Von Zeit zu Zeit was anderes zu sehen gehört traditionell dazu.
Nur ist es so, dass sich der Deutsche gerne selbst dafür schämt, deutsch zu sein. Was immer das ist, zuhause und in der Fremde. Und wenn er sich mal nicht schämt, schraubt er sich kleine Fähnchen an den BMW, was noch blöder ist. Er schämt sich dafür, nicht locker zu sein, er schämt sich dafür, immer pünktlich zu sein, er schämt sich für “Draussen nur Kännchen”. Dabei ist der Deutsche nicht unerträglich, wenn er korrekt und normentreu ist, er ist es, wenn er versucht, lässig zu sein. Was meistens mit südländisch gleichgesetzt wird. In München kann es dir passieren, dass du im Januar auf eine Kolonie von Draußensitzern triffst, wenn du um halb zehn morgens mit Mütze und Mantel zum Bäcker gehst. Lauter verhinderte Italiener, die “Gra-zi-e” sagen, wenn der “Latte Macchiato, per favore” sein Ziel erreicht. Jamie Oliver, englischer und italophiler Spitzenkoch, musste vor einigen Jahren bei einem kulinarischen Erlebnistrip quer durch Italien resigniert feststellen, dass die von ihm bekochten Italiener nur einen Maßstab kannten: Genauso wie bei Mama (=gut), anders als bei Mama (=schlecht). Wer also wirklich südländisch sein will: Den Scusi-gracie-per favore-aqua minerale-Quatsch sein lassen und einfach ein lautes "das schmeckt aber anders als bei Mutti!" erklingen lassen. Da weiß dann wirklich jeder: Dieser Mann hat die südländische Lebensart in sich aufgesogen!
Skurrilitäten Überall: Kaffepaussi mit Ficktelefon
“Ficktelefon!” Johanna kam vor kurzem begeistert aus Schweden wieder und erzählt nun eine Anekdote nach der anderen: “Handy heißt auf Schwedisch Ficktelefon!” Und weil die Phantasie schon so schön in Gang gesetzt wurde: “Ich habe noch nie so viele schöne Menschen gesehen. Es gibt sogar junge attraktive Bauarbeiter und – echt wahr – blonde sexy Truckerinnen. Das ist kein Klischee!” Skandinavien ... eine junge hübsche Truckerin nach ihrer “Ficktelefonnummer” zu fragen, ohne dafür von ihr geschlagen zu werden ... vielleicht ist das die Gegend, in der alle Träume wahr werden. Alle sind sie dort etwas lässiger als hier, nehmen alles nicht so ernst und sich mehr Zeit. Also lässig in einem Nicht-Latte-Macchiato-Sinn, sondern eher so die nordländische Ich-duz-dich-wie-Ikea-Lässigkeit. Gebildet sind sie laut Statistik auch, bis zu achtzig Prozent eines Jahrganges studieren und schon die Kinder machen keine Probleme, sondern vordere Plätze beim Pisa-Test. Zudem sehen die Skandivanier – siehe Internet und Johanna – blendend aus und sind die statistisch größten Menschen in Europa. Allerdings dort dauerhaft leben? Zwischen großen, klugen, attraktiven Menschen? Stell dich einmal in ein Rudel Fotomodels und du wirst noch hässlicher, kleiner und fetter aussehen, als du eigentlich bist. Letzthin erklärt dies am Ende sogar die traditionell hohe Selbstmordrate in den nördlichsten Ländern Europas. Es ist nicht das fehlende Licht in den Wintermonaten, sondern die Verzweifelung, als dicker, dummer Norweger oder Schwede, als Freak, als Laune der Natur völlig aus der Art geschlagen zu sein. Oder sind es die Bücher und Filme? Laut Wallander und Co. müsste ja pausenlos gemeuchelt werden und zwar auf die widerwärtigsten Arten und Weisen. Das kann dauerhaft aufs Gemüt schlagen, ebenso wie diese ganzen verwackelten Dogma-Filme, wo einem beim Anschauen immer so ein wenig schwindlig und schlecht wird. “Das Programm ist zum Kotzen” bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Besagtes “Ficktelefon” ist schon sehr hübsch, aber das finnische Wort “Kaffepaussi” ist sogar noch reizender. Denn nicht nur deutsche Menschen, sondern auch deutsche Worte treiben sich gerne rum. Und diese zeichnen ein völlig unerwartetes Bild von den Teutonen. Gut, auch “Blitzkrieg”, “Katzenjammer”, “Waldsterben” und “German Angst” haben Einzug in fremden Sprachgebrauch gefunden. Aber in der Mehrzahl sind es Wörter wie “Kindergarten”, “Sauerkraut”, “Gemütlichkeit”, “Gesundheit”, “Kitsch” und “Butterbrot”. Lauter Ausdrücke, die ein so schrullig-liebenswertes Bild von Deutschland zeichnen, dass man ihm am liebsten mit dem Finger in den Bauch stupsen würde, um sein glockenhelles Lachen zu hören. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man eine der größten englischsprachigen Communities auf deutschem Internetboden betritt: toytowngermany.com. Bei diesem Namen erübrigt sich fast jedes weitere Wort und es kommt fast ein bisschen Neid auf. Wie gerne würde man dieses Land auch mit dem unverstellten Blick eines Zugereisten erleben. Diese Erfahrung macht jeder, der englischsprachigen Bekannten seine Stadt zeigt. Jede “Einfahrt” und “Ausfahrt” löst Giggeln aus, dem Dörfchen “Pulling” wird zum ersten Mal Beachtung und einer Leberspätzlesuppe ein neuer Name geschenkt. Das beste Rezept, um selbst in den Genuss solcher Erlebnisse zu kommen, ist natürlich das Weite zu suchen. Nicht umsonst ist auch “Fernweh” ein ausgewandertes Wort. (David Lins)
Literaturtipps
Ausgewanderte Wörter: Eine Auswahl der interessantesten Beiträge zur internationalen Ausschreibung "Ausgewanderte Wörter" von Jutta Limbach (Herausgeber), 19,95, Hueber Verlag
50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind von Katrin Wilkens, 14,95, Westend Verlag
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