"Wir erleben einen gravierenden Verlust der Mobilität!“

Prof. Bernhard Kempen ist seit 2004 Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.

Das durchstrukturierte, „workload“-Studium mit zugestandenen sechs Wochen Urlaub und 40-Stunden-Woche erlaubt wenig Seitenblicke und sorgt oft für Frustration.

 

Professor Bernhard Kempen prägte das Schlagwort vom „Hamster im Laufrad“, als es galt, die heutige Studentenschaft im Zeitalter des Bologna-Prozesses zu beschreiben. unicompact-Chefredakteur David Lins sprach mit ihm.



Dem Bachelor wird ein „Student bolognese“ zugrunde gelegt, der sich zu 100 Prozent dem Studium widmen kann – und muss. Abgesehen davon, dass dies nicht realistisch ist, kommt es nicht dadurch zu einer Verschmälerung des Horizontes?

Ich selbst habe während des Studium gearbeitet und habe es durchaus als sehr lehrreich empfunden. Es gab natürlich auch Fälle, wo der Nebenjob das Studium komplett überlagert hat. Das ist natürlich eine ungesunde Mischung und für ein Studium nicht unbedingt zielführend. Der Gedanke, nicht nebenbei arbeiten zu müssen, ist gut und richtig, spiegelt jedoch die Realität kaum wider. Und ja, es ist durchaus bedenklich, dass kaum noch Zeit verbleibt, einmal über den Tellerrand zu blicken oder Praktika zu machen.

Das sind eigentlich die Sachen, die Unternehmen immer wieder in ihren Stellenausschreibungen stehen haben: „Querdenker“, „Praxiserfahrung“, „Auslandsaufenthalte“. Das passt alles nicht so wirklich zusammen?


Nein, das tut es nicht. Eines der Ziele des Bologna-Prozesses war ja, die Absolventen „berufsbefähigter“ zu machen. Aber trotz allerlei Initiativen ist der Bachelor nicht wirklich angekommen. Wir regen immer wieder an, den Dialog zwischen Hochschulen und der Industrie zu verstärken. Die Universitäten sollen nicht die Handlanger der Konzerne werden, aber die Ausbildung an den Anforderungen der Berufspraxis auszurichten, ist nur vernünftig. Wir haben diese dreijährigen Bachelorstudiengänge, weil die Politik die Studenten nicht allzu lange an der Uni haben will. Aber kaum jemand will diese Absolventen einstellen. Hier, aber nicht nur hier, ist die Sache gegen die Wand gefahren.


Wo drückt denn noch der Bologna-Schuh?


Wenn man sich an die Ziele von Bologna erinnert, so ging es darum, die Mobilität der Studierenden zu steigern.Wechsel zwischen Universitäten im In- und Ausland während des Bachelorstudiums sollten unproblematisch möglich sein. Nach dem Bachelor könne man seinen Master in einem anderen Land machen. Soweit die Theorie. Dieses Ziel ist doch überhaupt nicht erreicht worden, wie Studien belegen. In der Praxis ist die Mobilität der Studierenden deutlich geringer geworden. Es ist
schon nicht mehr ohne weiteres möglich, nur von Köln nach München oder Berlin zu wechseln. Denn die Studiengänge sind so akkreditiert worden, dass jede Universität für ihre Studiengänge ein eigenes Profil entwickelt hat. Und diese Profile sind so unterschiedlich, dass es oft gar nicht mehr möglich ist, aus einem Bachelorstudiengang in einen anderen zu wechseln. Wir erleben einen gravierenden Verlust der Mobilität! Schon innerdeutsch.


Dann sieht es europaweit kaum besser aus?


Nein. Es wäre an sich ein großartiger Gedanke, zwei Semester in Lissabon zu studieren, dann nach Paris zu gehen und in Wien seinen Abschluss zu machen. Aber im Bachelorstudium ist das praktisch unmöglich. Allein schon, weil in vielen Ländern der Bachelor vierjährig ist. Und sogar danach ist es nicht so, dass Sie mit Ihrem Abschluss ohne weiteres den Master machen können. In England wird der dreijährige Bachelor vielfach nicht anerkannt, aber auch in Deutschland können allein aus Kapazitätsgründen nur rund 20 Prozent der Bachelorabsolventen den Master anschließen.


Klingt irgendwie alles so, als wäre nicht wirklich nachgedacht worden ...

Statt mit Ruhe und Besonnenheit und in einer koordinierten Aktion mit anderen Ländern an die Umsetzung zu gehen, wurde die ganze Geschichte ziemlich laienhaft von der Politik eingefädelt, die die Unis gezwungen hat, in Rekordzeit möglichst viele Studiengänge auf Bachelor und Master umzustellen. Es hat nie Gespräche zwischen den einzelnen Ländern und deren Vertretungen gegeben, was die Inhalte in Studiengängen angeht. Das ist doch das einzig Sinnvolle, die Inhalte und Rahmenbedingungen festzulegen, somit Vergleichbarkeit und Akzeptanz zu schaffen. Bei den credit points weiß ja kein Mensch, wofür sie vergeben wurden. Mulitlaterale Absprachen gibt es nur bei den Medizinern. Im Übrigen ist das der einzige Studiengang, der nicht auf Bachelor und Master umgestellt hat. Um etwas zu ändern, mehr Mobilität zu ermöglichen, muss eine inhaltlich Koordination stattfinden, sowohl bundes- als auch europaweit. Solange das nicht geschieht, ist das alles ein großer Etikettenschwindel.


Mit welchen Maßnahmen versuchen Sie etwas zu verändern?

Wir regen diese Gespräche immer wieder an, ohne – finanzielle – Anreize passiert relativ wenig. Um zumindest in Deutschland die Mobilität zu steigern, muss man Belohnungen schaffen, zum Beispiel Mobilitätsverbünde, bei denen die beteiligten Hochschulen finanziell prämiert werden. Und wir regen Unis an, sich mit den Partnerhochschulen auf gemeinsame Standards zu verständigen. Auf lange Sicht streben wir an, ein Prämierungssystem zu etablieren, bei dem Unis für jeden Absolventen Punkte und letzthin Geld bekommen, der nach seinem Studium unmittelbar einen – fachnahen – Arbeitsplatz findet.


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Stichwort:
 
 
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Kritik an Bologna

Nicht nur Studenten sprechen Tacheles. Lest das Interview mit Prof. Dr. Kempen!


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