Ein entspannter Bummel durch die Welt der Discounter

Der Abschied vom Elternhaus bringt neben einer Menge Freiheit und Selbstbestimmung auch die Notwendigkeit der Selbstversorgung. Erst jetzt beginnt man die Unterschiede der Supermärkte so richtig wahrzunehmen.

Ein Besuch bei Tengelmann oder REWE hat fast schon et­was mondänes, luxuriöses. Man sieht und kennt sich und führt locker-flockige Plaudereien an der Kasse. Der Supermarkt der Besserverdienenden, den man gerne Samstagvormittag aufsucht. Da wird nicht so auf’s Geld geschaut und der „junge Mann“, der nur Zigaretten und Chips kauft, gerne mal nach vorne gewunken.

In Gegensatz dazu ist der ALDI-Besuch eine bierernste Sache, die höchste Konzentration voraussetzt. Nirgendwo sind die Regeln so klar, nirgendwo wird ein Verstoß gegen diese Regeln so grausam geahndet.Regel Eins: Es gibt kein Zurück. Der Wagen wird entgegen dem Uhrzeigersinn durch den Laden gesteuert, man packt ein, man bleibt nicht stehen, und ganz wichtig, man fährt nie zurück. Regel Zwei: Kein Heckmeck im Kassenbereich. Konzentriert funktionieren ist die Devise. Nicht nach Tüten fragen, sondern entnehmen und aufs Band legen. Wagen vor sich herschieben und nicht nachziehen. Wer das nicht weiß, wird vom gesamten Laden gesteinigt. Das Schluss­szenario ist aber auch so schlimm genug für den zahlenden Kunden. Während man noch hektisch Waren vom Band in den Einkaufswagen räumt, ist der Kassierer schon längst fertig und knallt einem eine lächerlich geringe Summe um die Ohren. Jetzt beginnt man ebenso hektisch in seinem Geldbeutel zu kramen, während der Kassierer einem demütigenderweise die restlichen Waren einräumt. In diesem Zusammenhang treten noch zwei weitere Regeln in Erscheinung: Die Einkäufe werden keinesfalls direkt in die Einkauftasche geräumt, sondern erst einmal in den Wagen. Weiterhin: Die woanders sinnvollen Versuche à la „Warten Sie, ich habe drei Cent“, sind  hier weder erwartet noch gewünscht. Einfach Schein geben und Bahn freimachen.

Irgendwo zwischen den beiden Extremen Tengelmann und ALDI bewegen sich die an­deren Supermärkte. Plus stellt sich vom Wa­rensortiment her betrachtet auf den Standpunkt: Bekannt und bewährt. Abgefahrene oder brandaktuelle Produkte sucht man hier vergebens. Zum Ausgleich übten sich die kleinen Preise lange in der Kunst des feinen Humors, was die Namensgabe der Hausmarken anging: Toilettenpapier hieß Spagat, Papiertaschen­tücher Tatü. Mutiger ist da schon Norma, der gerne auch mal mit italienischen Wochen überrascht und sich ganz konsequent an No-Name-Produkte hält. Besonders in der Alkoholikaabteilung ist da viel Phantasie gefragt, wenn es heißt, zwi­schen Alias-Campari und Alias-Ramazotti zu unterscheiden. Auch LIDL bietet immer mal wieder die Möglichkeit, Länderpunkte zu sammeln. Im nahezu wöchentlichen Turnus offeriert die Discounter Spezialitäten aus Italien, Griechenland, Mexiko, den USA und anderen lecker Nationen.

Als Schmuddel­kinder der Discounterschule kommen zuweilen die Pennymärkte daher. Hier scheint oft die Devise zu gelten: Erst wenn Obst und Gemüse eine Nacht im Elefantenkäfig überstanden haben, dürfen sie in den Verkauf. Dafür verfügen die Pennys über das hilfsbereiteste Personal und die besten Feinkostabteilungen aller Billigmärkte. Alles was per se in Öl oder Essig eingelegt in Gläser abgefüllt werden kann, fin­det sich hier. Und dies zu unschlagbar günstigen Preisen. Zudem gilt das Red-Bull-Surrogat Bullit als wohlschmeckendster Energydrink überhaupt. Nebenbei läuft Penny Plus auch langsam den Rang in der Katagorie "kreative Namensgebungen" ab: Seit kurzem existiert ein mit einem bunten Ara geschmücktes Tabasco-Plagiat namens "Madagasco Peppagai". Da kann man als Kunde fast nicht nein sagen.

Auch beim Billigbier scheint Penny die Nase vorn zu haben - so man den Einkaufsgewohnhei­ten von Pennern Glauben schenken mag. Das würde zudem den Namen dieses Discounters er­klären...  (David Lins)


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