“Man muss sich wundern, wer sich heute alles ‘Student’ nennen darf!”

- Jörn-Axel Meyer ist Universitätsprofessor und Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Ing.) für Maschinenbau an der TU Berlin.
Prof. Jörn-Axel Meyer gilt als einer der schärfsten Kritiker der Bologna-Reform und beklagt vor allem Art und Qualität der Lehre. Florian Jetzlsperger traf ihn zum Interview.
Kann man sagen, dass Bachelor-Absolventen im Vergleich zu Hochschulabsolventen mit Diplom weniger Wissen vermittelt wird?
Das muss man natürlich differenziert betrachten, da nicht alle Bachelor- oder Masterstudiengänge gleich sind. In der Tendenz lässt sich aber feststellen: Vergleicht man den Master mit dem Hauptdiplom, so ist der Unterschied gravierend. Vergleicht man einen Bachelor mit dem Vordiplom früherer Studiengänge, so ist der Unterschied nicht ganz so groß.
Jedoch gibt es einen großen Unterschied zum Bachelor in den USA: In den Vereinigten Staaten ist ein Bachelor-Studium zunächst mal ein studium generale, in den Unternehmen sollen sie dann auf die speziellen Bedürfnisse hin ausgebildet werden. In Deutschland wird der Student für die Unternehmen bereits möglichst mundgerecht geformt, was aber natürlich nicht im Interesse des Auszubildenden sein kann, der letztlich irgendwo stehen bleibt. Allein an den vielfältigen Titelbezeichnungen der jeweiligen Studiengänge kann man diese Spezialisierung erkennen.
Sprechen wir auch von einer Ausbildung zu Lasten der Studenten, weil diese sich gar nicht mehr verpflichtet fühlen über den Rand einer Thematik hinauszublicken?
Zunächst muss man sich doch wundern, wer sich heute alles „Student“ nennt. Diese Begriffe werden von Institutionen missbraucht, um sich selbst zu erhöhen und folglich auch Studiengebühren fordern zu können.
Ziel der Bologna-Reform sollte ein effizienteres Studium sein. Ich habe den Eindruck, dass man eine effizientere Lehre erreicht hat. Ein Dozent ist aufgrund der Detailliertheit des angebotenen Kurses nur für diesen zuständig und nicht für mehrere. Zudem gibt es dieses Überangebot an unterschiedlichen Bachelor- und Masterkursen. Diese Kleinteiligkeit in der Lehre führt sich in der Forschung fort: In der Berufung von Professoren ist heute für die Universitäten beispielsweise nicht mehr die Anzahl der Bücher, die sie publiziert haben, von zentraler Bedeutung. Vielmehr zählen die Akquisition von Drittmitteln, auf die man bisher zurückblicken konnte – ob das einen Hochschuldozenten für die eigentliche Aufgabe qualifiziert sei mal dahingestellt – und die Anzahl wissenschaftlicher Beiträge in Fachjournalen. Heute interessieren überblickende Gesamtdarstellungen kaum mehr, so dass man sozusagen kumulativ, also mit einer Aneinanderreihung – vielleicht sehr guter – aber einzelner Beiträge habilitieren kann.
Wenn Sie einem Studenten helfen sollten, sich zwischen einem Bachelorstudium und einem Diplomstudium zu entscheiden, was würden Sie ihm raten?
Ein Diplom zu machen, weil er ein Studium wählen sollte, das ihn auf das Leben vorbereitet. Ein Studium, das ihm Wissen und vor allem Denke beibringt, denn das werden wir in unserer schnelllebigen und ganzheitlich zu erfassenden Welt brauchen. Wir brauchen keine reinen Wissensträger mehr – das Wissen kann man sich schnell und aktuell besorgen. Mit vorhandenem Wissen umzugehen, ist viel entscheidender.
Wird es den klassischen Typ Hochschulprofessor nach humboldtschem Vorbild – also jemand der umfassendes Wissen besitzt - bald nicht mehr geben?
Ich befürchte manchmal, dass dieser Typ Hochschulprofessor aussterben wird. Es gibt immer mehr „Professoren“ in Deutschland und immer weniger gute Hochschullehrer, weil sich in zunehmendem Maße Personen aus der Wirtschaft aus eitlen Idealen diese Titel aneignen wollen. Aber es gibt zum Glück immer viele junge, angehende Professoren, die nach wie vor den erstrebenswerten Anspruch haben, Forschung und Lehre umfassend und weitsichtig anzugehen.







