Der Unihasser

- Armin Himmelrath
Armin Himmelrath ist Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen, freier Journalist, Publizist, Autor, Moderator uns bekennender "Unihasser". In seinem "Handbuch für Unihasser" schreibt er mit drastischen Worten und einschlägigen Beispielen gegen die Bürokratie, Willkür und Eitelkeit deutscher Hochschulen an.
Rührt Ihr „Hass“ auf die Uni noch von Studienzeiten her, oder haben Sie den erst später entwickelt?
Gut, dass Sie Hass als in Anführungszeichen stehend begriffen haben. Denn eigentlich ist das Buch ja eine Liebeserklärung. Die Universität ist ein sehr spezielles Soziotop unterschiedlichster Menschen und Strukturen und eine tolle Sache, aber es gibt natürlich Momente, in denen man vor Wut kocht. Diese Momente hatte ich schon während meiner Studienzeit. Im Laufe meines Berufslebens kamen natürlich immer mehr Momente hinzu, weshalb ich beschlossen habe, dieses Buch zu schreiben.
Was hat Sie bei der Arbeit an dem Buch am meisten schockiert?
Wie wenig sich an den Hochschulen um die Leute, die dort studieren und arbeiten, gekümmert wird. Der Bürokratiewahnsinn ist eine regelrechte Zumutung. Die Hochschulen haben noch nicht verstanden, dass sie eine Dienstleistung erbringen. Wenn man manche Geschichten hört, denkt man sich: Das kann doch gar nicht wahr sein! Ich habe im Nachhinein noch einige Geschichten erfahren, zum Beispiel eine, bei der eine junge Studentin ihren Studienort wechseln wollte.
Sie hatte sämtliche bürokratische Hürden genommen und alle nötigen Bescheinigungen, bis man in Köln plötzlich bemerkte, dass an ihrem ursprünglichen Studienort München das Grundstudium nur drei Semester dauerte, während es in Köln vier waren. Also musste sie sich in München noch einmal einschreiben, ein Semester warten, ohne weitere Leistungen zu erbringen, und konnte dann erst ihr Studium im Köln fortsetzen. Ein Semester verplempert – für Nichts! Das ist doch der totale Wahnsinn!
Haben Sie noch Hoffnung für die deutschen Hochschulen?
Hoffnungslos bin ich nicht, aber es gibt unglaublich viel zu tun. Eine Universität ist eben auch ein riesiger Verwaltungskomplex mit unzähligen Menschen und untergruppierten Bereichen. Was sich während all der Jahre fest eingefahren hat, ist schwer zu stoppen oder umzusteuern. Aber ich habe die Hoffnung, dass in zehn oder 15 Jahren Studenten bessere Bedingungen haben, wenn jetzt massiv daran gearbeitet wird.
Was wäre die notwendigste Veränderung im Hochschulwesen bzw. was haben Sie den Hochschulen und Kultusministerien konkret am meisten vorzuwerfen?
Erstens habe ich der Politik vorzuwerfen, dass die föderalistische Struktur im Bildungswesen absolut problematisch ist. Wir haben 16 verschiedene Ministerien und zusätzlich eine Bundesministerin für Bildung. Bis die sich alle auf etwas geeinigt haben, geht enorm viel nützliche Energie verloren.
Mein zweiter Vorwurf geht an die Hochschulen selbst. Es wären spezielle Beauftragte und der starke Wille für den Abbau der Bürokratie an den Hochschulen erforderlich. Wir brauchen einen Mentalitätswandel hin zur Kundenorientierung und Benutzerfreundlichkeit.
Stichwort Bürokratie: Was war Ihre irrsinnigste Erfahrung an der Uni?
Mir ist das Gerenne um Sprechstunden, Termine und Stempeln sehr gut in Erinnerung geblieben. Man klaut den Studenten insgesamt so viel Zeit, weil sie allem und jedem hinterher rennen müssen, nur um beispielsweise die Gnade der Audienz bei Herrn Professor XY zu bekommen. Das hat mich während meiner Studienzeit sehr gestört.
Wie beurteilen Sie persönlich Studiengebühren unter den Bedingungen, die Sie schildern? Als Mittel etwas zu verändern oder als Unverschämtheit angesichts der herrschenden Bedingungen und Leistungen der Unis?
Ich habe eine ambivalente Einstellung dazu. Auf der einen Seite wurde bei der Einführung der Gebühren die Finanzierung von zahlreichen Stipendien und Begleitprogrammen hoch und heilig versprochen. Diese soziale Abfederung fand aber nicht statt. Dadurch haben die Befürworter der Studiengebühren ziemlich an Glaubwürdigkeit verloren, weil nichts von dem, was sie versprochen haben, im Endeffekt passiert ist. Wenn das System funktionieren und dadurch eine Leistungsverbesserung seitens der Hochschulen eintreten würde, dann wären die Studiengebühren möglicherweise ja sinnvoll – aber davon sind wir aktuell noch ziemlich weit entfernt.
Gibt es Universitäten, die bei Ihrer Recherche positiv aufgefallen sind?
Das kann man eigentlich schon ganz gut an den Homepages der einzelnen Unis erkennen. Ist die Informationsbeschaffung schnell und einfach, haben diese Hochschulen meist den starken Willen, ihre Studenten zu unterstützen anstatt sie zu behindern.
Die Universität Lüneburg kann ich als Beispiel nennen. Ansonsten muss man natürlich auch sagen, dass es die großen Massenuniversitäten schwerer haben als die kleinen, weswegen dort auch mehr falsch läuft. Das kann allerdings trotzdem keine Entschuldigung sein.
Würden Sie sich noch einmal für eine akademische Laufbahn entscheiden, wenn Sie die Wahl hätten?
Ja, auf jeden Fall! Eine Universität beherbergt sehr komplexe Systeme, diese bieten wiederum Nischen für die unterschiedlichsten Menschen und Querköpfe. Das herrschende Chaos, diese strukturierte Unstrukturiertheit, das lässt auch viel Platz für Kreativität – und das ist das Tolle an den Unis.
Was raten Sie einem Unianfänger?
Drei Dinge: Gelassenheit, denn die Uni ist ein ganz eigenes Lebensgebiet und sinnvoll ist eine Sache hier selten, aber man wächst hinein; Mut, sich auf Dinge, die man nicht versteht, einzulassen; und Offenheit für die unergründlichen Wege und Besonderheiten, die man an Hochschulen vorfindet.
Dreimal zu gewinnen!
Armin Himmelrath
Handbuch für Unihasser
199 Seiten
7,95 Euro
KiWi
Zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine E-Mail (mit eurer Anschrift) an unihasser@unicompact.de senden!








