Entscheidungen

Habe ich eigentlich irgendwelche Talente? Oder zumindest Interessen, die nichts mit Trinken, Feiern oder Fernsehen zu tun haben?
Egal, ob nach dem Abi, nach dem Studium oder gerne auch mal mittendrin: Das Gefühl nicht zu wissen, wohin man gehört ... gehört dazu.

 


“My story is, whatever works as long as you don't hurt anybody.“

Ich gehöre nicht zu jener bewundernswerten Spezies von Menschen, die immer genau wissen, was sie wollen. Habe ich noch nie. Bemerkbar gemacht hat sich das bei mir bereits im Kindergarten. Damals legten unsere Kindergärtnerinnen beim Basteln viel Wert darauf, dass wir die vorgezeichneten Formen auf dem Tonpapier genau nach der Bleistift-Linie ausschnitten. Ich schnitt immer daneben. Egal mit wieviel herzallerliebsten pädagogischen Bemühungen meine Kindergärtnerin mir beibringen wollte, wie man “es richtig macht”, ich habe es einfach nicht hinbekommen. Sie ging oft soweit, mein Tonpapiergeschöpf mit einem anderen zu vergleichen (meistens von Kindern, die für den Kindergarten schon beängstigend penibel mit einer Schere umgehen konnten) und wies mich darauf hin, dass es auf diese Weise doch viel schöner wäre. Nicht, dass ich mich beim nächsten Basteln nicht bemüht hätte. Aber ich konnte es einfach nicht. Mein kleines vierjähriges Ich fand sich ziemlich schnell und ohne große Verzweiflung mit diesem Tatbestand  ab, und schnitt unbeirrt weiter. Die früh erlernte Fähigkeit des Schulterzuckens angesichts meiner eigenen Schwächen sollte mir später besonders während des Schwimm-und Sportunterrichts zugute kommen. Eine fröhliche Gleichgültigkeit, die man sich vermutlich nur genau durch solche Kindergarten-Erlebnisse aneignen kann. Jedenfalls stand mir, der kleinen, mit einer Schere bewaffneten Theresa in einem ländlichen Kindergarten bei Regensburg die ganze Welt eines bunten Tonpapiers zur Destruktion offen, warum sollte ich mich da an dieser einen, vorgezeichneten, witzlosen Gerade orientieren?


Ich möchte mit dieser kurzen Einleitung nicht ins Tiefenpsychologische abschweifen, und beileibe nicht sagen, wenn ich im Kindergarten den Anweisungen zufolge gebastelt hätte, wäre ich jetzt jemand anderes. Das sollte nur ein Beispiel sein. Wären unsere Leben Ausschneidefiguren, meines wäre die total verschnittene links am Rand. Aber irgendjemand findet sich bestimmt, der behauptet, das wäre abstrakte Kunst und unglaublich viel wert.


Schon im Kindergarten versagt!


Zugegeben, die Einleitung ist ein bissl kompliziert, aber hier wollte ich auf einen Charakterzug aufmerksam machen, der sich besonders bei (Post-) Abiturienten während und nach des Abiturs herausbildet. Es handelt sich hier um eine akute Entscheidungsohnmacht, oder gaaaanz schlimme Unlust, sich festzulegen. Meistens liegt das daran, dass man sich selbst nicht kennt und vor lauter Wald den passenden Baum nicht sieht. Oder so. Mit diesem Problem bin ich besonders vertraut.
Bis zur elften Klasse wurde mein Leben durch meine chronische Entscheidungsunlust nicht weiter eingeschränkt. Ich sagte nicht nur besonders oft “Mal schauen”, sondern ich war “Mal Schauen”. Mein Gehirn sah ich als nützliches Instrument, wenn es um das Überschlagen von Wochenendausgaben ging, und manchmal auch als erstaunlich fantasievolle Hilfe, was die Neukreation von Französisch-Vokabeln betraf. Aber abgesehen davon erwies es sich als vollkommen nutzlos, wenn ich es dazu zwingen wollte, einen Blick auf die nächsten zwei, drei Jahre zu werfen. Ein blütenweisser Fleck in der Landkarte meines Kopfes. Als hätte ein Navigationsgerät meine persönliche Route (nicht die schönste, aber die schnellste) für die nächsten zwei Jahre festgelegt und würde nach dem Abitur mit einer sexy Frauenstimme zu mir sagen: “Sie haben ihr Ziel erreicht”.

Und jetzt? Mein Navi ist aus, ich stehe mit einem Platten und dem dicken grünen Buch für Studienanfänger im Nirgendwo und doch Überall, und wo soll ich jetzt bitte hin? Darüber wollte ich mir selbstverständlich erst mal keine Gedanken machen.
Als mich Ende der elften Klasse eine übereifrige Mitschülerin darauf hinwies, die Wahl meiner Leistungskurse sei entscheidend für meine spätere Karriere, entgegnete ich entsetzt „Karriere?“ und drehte die Musik in meinem Kopf lauter. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass die Häufigkeit der Frage nach dem Berufswunsch direkt proportional zum Alter ansteigt. Es gibt sie (die beliebte Frage) in verschiedenen Variationen, immer angepasst an den Frager, der sich entweder als Mitschüler, oder als jemand aus der eigenen Familie tarnen kann. Das tückische an der Frage nach der eigenen Zukunft ist, dass sie immer dann auftritt, wenn man es am wenigsten erwartet. Das kann an Abenden sein, an denen eigentlich alles stimmt, man ist mit netten Leuten in einer netten Bar und plötzlich taucht jemand auf, den man noch aus der Grundschule kennt. Man freut sich und will sich ein neues Bier holen, freut sich noch mehr, weil man noch drei Euro in der Tasche findet, und dann spürt man eine Hand auf der Schulter, der Griff so eisig kalt wie der Satz, von dem er begleitet wird: “Hey, wenn du wieder da bist musst du mir erzählen was du jetzt eigentlich machen willst!” Auch in gelalltem Zustand ist dieser Satz noch ziemlich furchteinflößend, und nicht zu unterschätzen, nur weil die Konsonanten fehlen. Einfach so aus dem Nichts.


Und? Was machst du jetzt so?


Oder, eine andere Möglichkeit, auf der Geburtstagsfeier von deinem Vater, wo du, umgeben von alten Menschen, genau auf die Frage gefasst bist. Denkst du! Du unterhältst dich mit einem Bekannten deines Papas, schaffst es, das Thema geschickt von dir abzulenken und bringst einen Tarantino-würdigen Dialog hinter dich, bei dem du immer das letzte Wort hast, fühlst dich unverwundbar wie Nick der Boxer und schaffst es, den Alten Herrn abzuschütteln ohne das Thema deiner Post-Abilaufbahn auch nur gestreift zu haben. Du wechselst den Raum um dir ein Stück Kuchen zu holen, vor lauter Frohsinn gibst du deinen Kuchenteller einer neben dir stehenden Tante, schneidest dir selbst gedankenverloren ein neues Stück ab und vergisst für einen Moment, dass du komplett ungeschützt bist. Verwundbar, den goldenen Bademantel der Tarantino Konversation hast du im Nebenzimmer vergessen, du hast den Mund voller Kuchen und die Leber voller Wein, und genau in diesem Moment schlägt sie zu! “Ja mei, Resi, was hast du jetz’ eigentlich geplant?” Und obwohl du weisst, dass das bestimmt nur lieb gemeint war, schwörst du dir in diesem Moment, deiner Tante nie, nie wieder ein Stück Kuchen zu überlassen, die pure Boshaftigkeit sowas, kein normaler Mensch würde das fragen, noch dazu beim Essen. Also kaust du langsam zu Ende, lächelst, nuschelst “Weissgradnochnich” und verlässt den Raum, geschlagen, verwundet, durchlöchert. Und im Hintergrund läuft nicht mal der Soundtrack von Pulp Fiction, sondern irgendeine blöde Schnulze.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass ich die Frage nach meiner Zukunft nicht besonders gerne mochte, besonders nicht vorm Abi, da hatte ich genug für die Prüfungen zu tun, für Gedanken über das “Danach” hatte ich später noch genug Zeit. Ich weiss auch nicht, ob meine Scheu vor dieser Frage normal war, aber irgendwann hat sie bei mir einfach einen Würgereiz ausgelöst, den ich nicht kontrollieren konnte, und ich hatte Angst, ein Wort mehr und mein Gegenüber würde es gleich mit Mr. Creosote von Monty Python zu tun bekommen. Deswegen wich ich ihr aus so lang es ging.


Alle sind begabt. Außer mir!


Während meiner Kollegstufenzeit fühlte ich mich umgeben von Superbrains, die ganz sicher Medizin oder BWL studieren würden, und bestimmt im Kindergarten nie neben der Linie geschnitten haben.  Und dann war das Abi da, geschafft, und ich hatte zwar kein nennenswertes Talent, aus dem man etwas machen könnte – es sei denn, die wortgetreue Wiedergabe von Simpsons-Folgen wird einem an der Uni als Talent angerechnet – aber ich freute mich einfach, dass ich es geschafft hatte. Das war im Sommer 2009, ein ganz besonderer Sommer, in dem man die eigenen Freunde erst richtig kennen lernte, ich war mit ihnen am Toten Meer, an der Isar und an der Seine, im Juni feierten wir in Lloret de Mar, im August in Tel Aviv, im September in München in der Registratur.
Ich habe in diesem Sommer mit Freuden festgestellt, dass sich mein Freundeskreis mit genau den gleichen Problemen rumschlug wie ich, alle wussten irgendeine Richtung, in die man gehen wollte und viele haben im Juli beiläufig Unibewerbungen losgeschickt um dann nicht mehr darüber nachdenken zu müssen. Manchmal frage ich mich, ob wir uns unbewusst deswegen ausgesucht haben. Mein größter Schock ereilte mich dann, als eine meiner besten Freundinnen spontan zum Psychologiestudieren nach Regensburg ging und ich Angst hatte, was bei so viel Entschlossenheit aus ihr wird. Ich war erst beruhigt als sie mir von ihren abendlichen Sekteskapaden in Regensburger Bars erzählte.


Zuviel von allem – war gut


Was mich betraf, so habe ich in den Monaten nach dem Abitur zu viel geschlafen, zu viel telefoniert und definitiv zu viel Döner gegessen.  Ich war öfter in der Sonne, als für die menschliche Haut gut sein kann, ich war zu oft in der Muffathalle, habe in zu vielen Situationen meine Umwelt mit Star-Wars-Zitaten genervt, so viel Gin konsumiert, dass die lächerlich geringe Menge an Tonicwater unterschlagen werden kann. Ich habe den Satz “Aaach, warum nicht, immerhin ham wir Abi” so oft gesagt, dass er als Rechtfertigung für alle zukünftigen Abiturienten nicht mehr verwendet werden kann. Ich war zu oft am Reichenbachkiosk, habe zu viele amerikanische Filme angeschaut und mich dann zu oft mit den irren Freunden, die mir geblieben sind, darüber zu detailliert unterhalten. Ich habe zu oft zu euphorisch zu Liedern getanzt, die man im Nachhinein vielleicht als peinlich bezeichnen möchte. Ich habe zu viel Zeit in der S-Bahn verbracht, und von der Zeit im Schlafanzug wollen wir lieber gar nicht erst reden. Ich bin zu oft mit Klamotten eingeschlafen und habe zu laut und zu viel über blöde Witze gelacht und selber zu viele blöde Witze gerissen. Außerdem konnte ich mich beängstend gut mit den kaputten Protagonisten aus den beiden Benedict Wells Romanen identifizieren. Ich hab zu oft den Satz gesagt “Ich hab ‘nen Plan!” und zu viele Leute gefunden, die sich mit mir darüber gefreut haben. Irgendwie wars von allem ein bisschen zuviel. Und das war toll!

Was die anderen von mir wollen, kann mir eigentlich egal sein ...

C'était une bonne année je crois


Als ich im August aus dem surrealen Israel-Abenteuer wieder in mein sehr reales Zuhause kam, lag ein Brief von der Komparatistik-Fakultät der LMU auf dem Tisch, meine einzige Bewerbung, weil es das einzige Fach war, von dem ich mir einbildete, es würde mich interessieren. Ich bekam eine Zusage und wusste nicht was ich damit anfangen sollte. Natürlich habe ich mich erstmal tierisch gefreut, aber dann kamen bald die ersten Zweifel. Ich konnte mich entweder immatrikulieren oder auf nächstes Jahr setzen, und abwarten, was dieses Jahr bringen würde. Ein “Gap Year”, wie es die Engländer so schön nennen, auf den britischen Inseln ein weit verbreitetes Phänomen, das bei uns eher verpönt scheint. Vielleicht gibt es deswegen hierzulande kein Wort dafür. Ein Jahr, in dem man sich ausprobieren, und nach 13 verschulten Jahren eine andere Ausfahrt nehmen kann. Work And Travel, Freiwilligendienst, Praktika, oder auch einfach nur jobben und Geld fürs Studium verdienen. Letzten Endes habe ich mich nicht immatrikuliert. Das war vor acht Monaten, und ich bin mittlerweile auf sieben weitere Studiengänge gestoßen, die nicht minder interessant sind. Hier in Deutschland grassiert eine Angst, die sich noch schneller verbreitet hat als die Angst vor der Schweinegrippe. Es ist die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht schnell genug in eine bestimmte Fachrichtung einsteigt. Und was ist mit der Angst, etwas zu verpassen, weil man sich zu schnell für eine Richtung entscheidet? So viel das bayerische Bildungssystem auch von sich selbst halten mag, es hat uns beigebracht, von Klausur zu Klausur und von Prüfung zu Prüfung zu lernen. Wo ist die Zeit zum Nachdenken geblieben? In der Schule gibt es die eher weniger, vom Bachelor Studium ganz zu schweigen. Die Zeit muss man sich also nehmen, und man muss sich dafür nicht rechtfertigen.  Man muss sie genießen. Meinen Freunden ging es und geht es wie mir, die machen alle Zivi und dann “mal schauen” oder Praktikum und dann “mal schauen” und es gibt von dieser Spezies erfreulicherweise mehr als man während der Schulzeit mitbekommt.

DIE AUTORIN

Theresa Hein ist 19 Jahre alt und aus München. Was sie studieren wird und ob ihre Zukunft so aussehen wird, weiß sie noch nicht so genau ... Aber das ist okay.


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